
Wie dick dürfen spirituelle Lehrer sein?
In meinem letzten Newsletter habe ich mich ja schon mal drangemacht, verknöcherte spirituelle Vorstellungen etwas anzusägen.
Jetzt möchte ich mir die nächste vorknöpfen:
Welche Beweise verlangen wir eigentlich von Menschen, die Bewusstsein lehren?
Denn da lauert ein spirituelles Dogma, über das kaum jemand spricht:
Wer "weit entwickelt" ist, muss das gefälligst auch äußerlich vorführen.
Schlank. Gesund wirkend. Gelassen. Finanziell im Fluss. Glückliche Beziehung. Keine Wutausbrüche. Keine Schokolade nachts um elf. Glückliches Familienleben mit Haus am Waldesrand … oder am Meer.
Ich glaube, genau das haben viele vor Augen:
Wenn ich jetzt endlich diesen spirituellen Weg eingeschlagen habe, dann ist es diese Art von "Vollkommenheit", die mich am Ende erwartet.
So wird sie uns schließlich auch zur Genüge in den sozialen Medien vorgeführt. Ist ja auch alles möglich.
Nichtsdestotrotz vermischen wir dabei gern zwei Dinge:
Bewusstheit und Menschsein.
Ein Mensch kann eine enorme Klarheit über bestimmte Bereiche des Lebens besitzen. Er kann ein großartiger Lehrer sein, der anderen den entscheidenden Schub verpasst. Eine fantastische energetische Begleiterin. Oder alles zusammen.
Und trotzdem kann dieser Mensch mit Essen kämpfen. Oder mit Beziehungen. Geld. Eitelkeit. Angst. Kontrollbedürfnis. Dem eigenen Körper. Der Schwiegermutter.
Und ja, er kann auch krank werden.
Auch das scheint in manchen spirituellen Vorstellungen nicht so recht vorgesehen zu sein. Als müsste ein Mensch mit genügend Bewusstsein seinen Körper jederzeit im Griff haben. Als wäre eine Krankheit automatisch der Beweis dafür, dass da noch irgendein Thema nicht erkannt, irgendeine Blockade nicht gelöst oder die eigene Schwingung nicht hoch genug ist.
Wer weiß das schon? Vielleicht ist es so. Oder auch nicht.
Und wenn? So what?
Auch der größte Guru ist immer noch Mensch.
Erkenntnis macht aus einem Menschen kein abgeschlossenes Projekt. Und Bewusstsein macht ihn nicht unverwundbar.
Solange wir leben, gibt es etwas zu erkennen. Zu wandeln. Zu lernen. Manchmal auch schlicht auszuhalten.
Und das gehört zum Menschsein.
Natürlich gibt es eine Grenze.
Wenn jemand ständig Bescheidenheit predigt und gleichzeitig andere ausbeutet, darf man die Diskrepanz anschauen. Verhalten und Integrität sind relevant.
Aber Körpergewicht oder auch Krankheit sind zunächst einmal kein Messgerät für Bewusstseinsentwicklung - und auch nicht für die Fähigkeit, anderen etwas Wesentliches zu vermitteln.
Und ein schwieriges Lebensthema ist kein Beweis für mangelnde spirituelle Entwicklung.
Vielleicht ist eines unserer größten spirituellen Missverständnisse die Idee, ein bewusster Mensch müsse irgendwann fertig sein.
Nein. Muss er nicht.
Ein Mensch ist immer menschlich.
Und ausgerechnet der Mensch, den wir oft am schwierigsten erfassen, schaut uns morgens aus dem Spiegel entgegen.
